4. April 2017

Vortrag Christian Felber Celle 2017

Felber-Day in Celle - Kick-off zur Gemeinwohlregion Celle am 29. März 2017
 
Am vergangenen Mittwoch war es endlich soweit. Der lange erwartete Auftritt des Begründers der Gemeinwohl-Ökonomie, Christian Felber, in Celle, wurde wahr.
Rund 280 interessierte Menschen fanden sich an diesem Abend in der Celler Kreuzkirche ein und verfolgten den inspirierenden Vortrag Felbers.
Nach einleitenden Worten von Thomas Otremba (GWÖ-Regionalgruppe Celle), Liliane Steinke (Leiterin der VHS Celle) sowie Dr. Jörg Rodenwaldt (Bürgermeister des Celler Ortsteils Neuenhäusen) trat Christian Felber in Erscheinung. Mit einem beherzten Radschlag und einem anschließenden Kopfstand betrat er die Bühne. So wollte Felber spielerisch verdeutlichen, dass es Zeit ist, die Dinge im positiven Sinne auf den Kopf zu stellen. Die Sichtweise unserer Politik zu verändern und das bestehende Wirtschaftssystem umzukehren.
Noch einen Tag vor seinem Auftritt, am 28. März, hatte Felber - für die Idee des alternativen Wirtschaftsmodells der Gemeinwohl-Ökonomie - den renommierten Zeit Wissen-Preis Mut zur Nachhaltigkeit verliehen bekommen. Eine Anerkennung, die zeigt, welche Bedeutung diese stetig wachsende Bewegung erlangt. Aktuell haben sich 2.234 Unternehmen weltweit der Gemeinwohl-Ökonomie angeschlossen. So haben z. B. im Rahmen eines Pilotprojekts, vier städtische Betriebe in Stuttgart begonnen, die Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen. Für die breitflächige Etablierung eines ethischen Wirtschaftssystems in Europa, wurde das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie inzwischen auch vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) mit 86prozentiger Mehrheit abgestimmt und weiterempfohlen!
Umfragen der Bertelsmann-Stiftung aus den vergangenen Jahren zeigen, dass sich z. B. die Bevölkerungen in Deutschland (88 %) und Österreich (90 %) eine neue Wirtschaftsordnung wünschen. Auch die deutsche Bundesregierung fragte vor 2 Jahren ab, ob sich die Bevölkerung eher ein Bruttoinlandsprodukt (18 %) oder lieber ein Gemeinwohlprodukt (82 %) wünscht. Für Felber deutliche Zeichen, dass die Menschen eine Veränderung wollen. Allein die Politik ignoriert diese Wünsche bislang und macht weiter wie bisher.
Felber zeichnete in seinem Vortrag die fatale Abwendung vom eigentlichen Sinn der Ökonomie hin zum Profitstreben der Wirtschaft nach. Für Aristoteles war die Ökonomie dazu da, damit der Bedarf aller gedeckt ist, es allen gut geht. Die heutige Wirtschaft lebt den Gegenentwurf zur Ökonomie, die Chrematistik. Diese dient laut Aristoteles einzig der Anhäufung von Reichtum. Ein Ergebnis hieraus ist beispielsweise, dass heute die reichsten 8 Milliardäre so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung!
Dabei liegt das Gute so nah und ist bereits im deutschen Grundgesetz  verankert. Artikel 14, Absatz 2 sagt: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Na bitte! Auch die Bayerische Verfassung regelt im vierten Hauptteil Wirtschaft und Arbeit, Artikel 151, Satz 1, dass die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dem Gemeinwohl dient. Na also! Zudem sieht Felber z. B. im Better Life Index der OECD oder im Brutto-National-Glück Bhutans bereits vorhandene Messinstrumente für das Gemeinwohl. Er zieht hierbei Parallelen zur Gemeinwohl-Bilanz, welche das Wirtschaften im Sinne der GWÖ misst.
Im Sinne der Gemeinwohl-Ökonomie agierende Unternehmen sollen nach der Idee Felbers ethisch erzeugte Produkte preisgünstiger anbieten können. Sie sollen weniger Steuern oder geringere Zölle zahlen. Auch eine Vorrangstellung in der öffentlichen Auftragsvergabe soll möglich werden. So können ethisch orientierte Unternehmen entlastet werden und haben einen Vorteil am Markt. Heute ist es genau anders herum. So haben derartige Unternehmen durch die wesentlich höheren Kosten ihres ethischen Handels einen deutlichen Nachteil am Markt.
Ein weiteres Ziel Felbers ist es, für Produkte ein GWÖ-Siegel zu schaffen. So könnten VerbraucherInnen zukünftig sofort erkennen, wie fair und sauber ein Produkt hergestellt wurde. Das ist derzeit nicht möglich und wird nur mittels umfassender Recherche sichtbar.
Zum Schluss des Vortrages probierte Christian Felber mit 10 Freiwilligen noch den demokratischen Abstimmungsprozess des Systemischen Konsensierens aus. Je weniger Ablehnung hierbei eine Entscheidung erzeugt, desto mehr Anliegen berücksichtigt sie, desto höher ist die Zufriedenheit in der Gruppe. Die Freiwilligen sollten darüber abstimmen, um wie viel höher das höchstmöglich Einkommen über dem niedrigsten Einkommen liegen soll. Die Bandbreite der abzustimmenden Möglichkeiten lag hierbei zwischen dem 5fachen bis zum 300fachen. Den wenigsten Widerstand der Probanden erzielte am Ende das 10fach höhere Einkommen. Dies sei laut Felber sehr häufig bei derartigen Abstimmungstests herausgekommen. Dabei darf man sich jedoch einmal verdeutlichen, dass beispielsweise deutsche Spitzenmanager etwa ein 6.000fach höheres Einkommen im Vergleich zum niedrigsten erhalten. Internationale Hedgefonds-Manager erzielen hierbei sogar Einkommen in schwindelerregender Höhe des 65.000fachen!
Im Anschluss konnten sich die TeilnehmerInnen während einer kleinen Pause stärken. Die verbliebenen etwa gut 100 Personen begaben sich dann ab 21.40 Uhr noch in einen so genannten Fishbowl - eine Diskussionsrunde. In dieser wurden Fragen beantwortet und Anregungen rund um die Gemeinwohl-Ökonomie aufgenommen. Das Ganze rundete diesen wunderbaren Abend ab, sodass nach Ende der Veranstaltung alle mit neuen Ideen und dem zündenden Funken der Gemeinwohl-Ökonomie nach Hause gingen.
 
(Frank Beyer, Gemeinwohl-Ökonomie Regionalgruppe Hannover)